24. 05. 2022

SCHMUCK 2022: Gipfeltreffen der Schmuckkunst

München spielt in der internationalen Schmuckszene eine herausragende Rolle. Ein Grund dafür ist die Sonderschau SCHMUCK auf der «Handwerk & Design»: Seit über 60 Jahren werden hier die innovativsten neuen Arbeiten aus dem Bereich künstlerischer Autorenschmuck präsentiert. Nachdem zwei Jahren coronabedingter Pause ist die SCHMUCK nun vom 6. bis 10. Juli 2022 auf dem Messegelände in Halle B5 zu sehen.


Auch mehr als 60 Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1959 ist die SCHMUCK auf der «Handwerk & Design» die wichtigste Schau im zeitgenössischen künstlerischen Schmuck. Künstler, Galeristen, Sammler und Schmuckliebhaber reisen zu diesem „Gipfeltreffen der Goldschmiede“ aus der ganzen Welt an. Denn hier werden jedes Jahr die Spitzenleistungen dieses besonderen künstlerischen Genres präsentiert: ein staunenswerter Reigen aus Innovation, Könnerschaft und Schönheit.

Kuratiert hat die Sonderschau die renommierte australische Künstlerin Helen Britton. Unter 670 Bewerbungen aus 43 Ländern wählte sie 63 Arbeiten für die Ausstellung aus. Darunter sind etablierte Namen, aber auch viele junge, noch unbekannte Gestalter und Gestalterinnen.

Die Auswahl zeigt, wie unterschiedlich die Positionen sein können. Neben klassischen Schmuckmaterialien wie Gold, Silber, Perlen, Glas und Emaille sind wieder viele unkonventionelle Materialien zu sehen: Eierschalen und gepresster Staub, Rentierleder und Legosteine, Papier und Aluminium, Froschhaut und Kohle. Im Unterschied zum Juwelierschmuck spielt der Materialwert eines Stücks beim Autorenschmuck kaum eine Rolle. Wichtig sind vielmehr die künstlerische Idee und das visuelle Ergebnis.

Beispielhaft dafür steht die Arbeit „fool´s gold“ von Bettina Dittlmann. Der Schmuckkünstlerin aus Niederbayern geht es um die Veredelung des Nichtedlen. Ihre hochkomplexe Brosche besteht aus Pyrit, dem sogenannten „Narrengold“, gelötetem Eisendraht und einem runden Scheibenmagneten als Basis. Wie genau die Brosche am Ende aussieht, bleibt dem Zufall überlassen: Die Einzelteile werden einfach auf den Magneten geworfen. Und mit einer einzigen Handbewegung kann man alles wieder wegwischen. Die Künstlerin hat damit eine Brosche geschaffen, die die Vergänglichkeit und die aktuell so unsicheren politischen und gesellschaftlichen Zustände repräsentiert.

Wie Paukenschläge für die Sache des Autorenschmucks wirken die Arbeiten des in Neuseeland lebenden Allgäuers Karl Fritsch. Fritsch ist bekannt für seinen „rotzigen“ Stil. Auf der SCHMUCK 2022 ist ein Ring zu sehen, der wie ein Podest für eine Bildtafel wirkt. Auf dieser Fläche tummeln sich Schmucksteine in allen erdenklichen Farben und Qualitäten: ein wildes Durcheinander aus künstlich hergestellten Saphiren oder echtem Mondstein, mal geschliffen, mal roh. Dieser Ring will nicht hübsch oder wertvoll sein. Er steht für Freiheit, Individualität und Humor!

Der Name Autorenschmuck ist eine Analogie zum Autorenfilm. Die Arbeiten basieren auf den persönlichen Gedanken und Erlebnisse ihrer Macher und Macherinnen. Die Persönlichkeit der Künstler und Künstlerinnen führt zu einem unverwechselbaren Stil.

So wie im Halsschmuck der italienischen Künstlerin Annamaria Zanella. Ihre Halskette „Malinconia“ („Melancholie“) bezieht sich auf die Corona-Pandemie und den harten, langen Lockdown in ihrer Heimatstadt Padua. Statt ineinanderzugreifen wie bei einer Halskette üblich, sind die einzelnen Glieder ihrer Kette einzeln aufgereiht – mit einem dünnen goldenen Stab als Abstandshalter. Die eigentlichen Schauelemente des Schmuckstücks sind in der Tradition der Arte Povera aus einfachem Material gestaltet. Die Künstlerin hat hier ein Stahlgeflecht benutzt, das in der Industrie als Filter eingesetzt wird. Es ist sehr leicht und beweglich, aber auch stabil, vor allem wenn es plissiert wird. Das tiefe Lapislazuli-Blau erinnert an mittelalterliche Darstellungen, in denen der Himmel und die wichtigsten Personen mit Hilfe der teuren Farbe Blau „geadelt“ wurden.

Fast mystisch wirkt der Halsschmuck der gebürtigen Augsburgerin Carina Shoshtary. Teile ihrer Arbeit sind mit einem 3D-Stift gezeichnet. Wie bei einer Heißklebepistole fließt das erhitzte Material aus der Spitze des Stifts, bevor es erstarrt. Carina Shoshtary verwendet PLA, einen Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen wie zum Beispiel Mais. Wie sie nutzen heute viele KünstlerInnen nachhaltige Materialien. Anders als herkömmlicher Kunststoff wirkt PLA eher wie Perlmutt oder Elfenbein. Aus Tausenden dieser dünnen Kunststoffstreifen hat die Künstlerin nach und nach die gewünschte Form gestaltet.

Eine Arbeit der in Berlin lebenden Südkoreanerin Coco Sung macht deutlich, welche Funktionen Schmuck heute noch für viele Menschen hat. „Monstranz Amulett“ hat sie ihren üppigen Halsschmuck aus Kupfer, Messing, Holz, Swarovski-Kristallen und Samen genannt. Die Monstranz mit ihren Sonnenstrahlen verkörpert den Wunsch des Zeigens, der mit dem Anlegen von Schmuck innewohnt. Im Amulett steckt die Idee, ein Gegenstand könne vor Schaden schützen oder Glück bringen. Eine kleine Prise magisches Denken schwingt vermutlich für viele Menschen bei der Auswahl ihres Schmucks mit.

An die Grenzen des technisch machbaren geht der Spanier Edu Tarín. Aus einem türkisenen Achat hat er einen Kettenanhänger herausgeschnitten. Steine spielen traditionell eine große Rolle im Schmuck. Die Form dieses Steins aber ist unkonventionell, das harte Material wirkt wie gebogen. Die Negativform, also der Stein, aus dem der Kettenanhänger herausgeschnitten wurde, gehört zum Kunstwerk dazu. Sie macht deutlich, dass jede Handlung Auswirkungen hat: Etwas zu nehmen heißt immer auch, eine Lücke zu schaffen.

Neben den genannten zeigt die SCHMUCK 2022 Dutzende weitere Positionen im zeitgenössischen Autorenschmuck, die mal politisch mal sehr persönlich sind, mal verspielt und gewitzt, mal gesellschaftskritisch und ernst. Alle Arbeiten sind tragbar, denn der Bezug zum Träger und Körper spielt im Autorenschmuck eine wichtige Rolle. Zugleich sind die Stücke nie reine Gebrauchsgegenstände, sondern immer Kunstwerke.

Als kleine Sonderschau innerhalb der Sonderschau SCHMUCK fungiert die Ausstellung „Klassiker der Moderne“. In diesem Jahr wird hier der weltbekannte Schmuckkünstler Robert Baines geehrt. Der Australier zählt zu den führenden Forschern der Archäometallurgie: ein moderner Alchimist, dessen enormes Wissen um Metallverarbeitung die Grundlage für seinen unkonventionellen Schmuck bildet.

Weitere internationale Schmuckkunst ist an den Ständen der FRAME zusehen: Einige der wichtigsten Schmuckgalerien der Welt werden hier zusammenkommen, von Fixpunkten der Szene wie der Galerie Marzee aus Amsterdam, Platina aus Stockholm oder Rosemarie Jäger aus Hochheim bis zu ganz neuen Galerien beispielsweise aus Paris.

Die Trägerschaft für die Sonderschau SCHMUCK obliegt der Benno und Therese Danner’schen Kunstgewerbestiftung in München. Gefördert wird die Ausstellung zudem durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie.

 

Über die «Handwerk & Design»

Als Teil der Internationalen Handwerksmesse entstand 2008 die «Handwerk & Design». Die Idee dahinter ist, herausragende Leistungen aus Handwerk, Kunsthandwerk und Design unter einem Dach auf der Internationalen Handwerksmesse zu bündeln. Während der Internationalen Handwerksmesse dreht sich in der Halle B5 auf dem Messegelände München alles um den Zusammenschluss aus handwerklichem Können und guter Gestaltung. Die «Handwerk & Design» ist geprägt durch Sonderschauen, wie die EXEMPLA, die SCHMUCK oder die TALENTE – MEISTER DER ZUKUNFT, die von der Handwerkskammer für München und Oberbayern organisiert werden.


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© Abdruck der Fotos und Grafiken zu redaktionellen Zwecken kostenfrei unter Angabe der Quelle und des Bildnachweises.

  • Foto: Brosche "fool's gold" von Bettina Dittlmann, Bildrechte: Michael Jank
  • Foto: Ring von Karl Fritsch, Bildrechte: Karl Fritsch
  • Halsschmuck „Malinconia“ von Annamaria Zanella. Bildrechte: Daniela Martin
  • Halskette „The Gathering“ von Carina Shoshtary. Bildrechte: Carina Shoshtary
  • Foto: Halsschmuck „Monstranz Amulett“ von Coco Sung. Bildrechte: Karin Seufert
  • Foto: Halskette von Edu Tarín. Bildrechte: Edu Tarín
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